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Steine des Anstoßes

 Die Stadt will Kopfsteinpflasterstraßen asphaltieren. Doch dagegen wehren sich Viertel­ Bewohnerinnen. Nun wollen die Kontrahenten gemeinsam Kompromisse erarbeiten

Von Simone Sehnase, TAZ vom 03.02.2018 

Anwohnerlnnen aus dem Viertel sehen ihr historisches Stadtbild in Gefahr: Uber­ all dort, wo Straßen wegen Kanal- und anderer Bauarbeiten aufgerissen werden, soll das Kopfsteinpflaster einem Asphaltbelag weichen. So hieß es zumindest in der Senatsantwort auf eine Anfrage der Linksfraktion Ende Juni vergangenen Jahres. Doch jetzt könnte noch einmal Bewegung in die Sache kommen - und das Bauressort den Anwohnerinitiativen wieder näherkommen. Am Dienstag trafen sich Gegner und Befürworter des strittigen Straßenbelags erstmals, um an einer gemein­ samen Lösung zu arbeiten.

Mit am Tisch saßen Fraktionsmitglieder der Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt, die Ortsamtsleiterin Hellena Harttung, Bau- und Verkehrsstaats­ rat Jens Deutschendorf, der Präsident der Bremer Architektenkammer, Albrecht Genzel vom ADFC, der Landesbehinderten­ beauftragte Joachim Steinbrück und drei Vertreter der Bürger­ initiative „Stadtbild Bremen'; darunter auch Anwohner Klaus Schlösser.

 „Im März letzten Jahres ging das los mit der Bürgerinitiative'; sagt er. Als damals Anwohnerinnen mit der Ortsamtsleiterin zusammenkamen, habe eine Mitarbeiterin des Amts für Straßen und Verkehr verkündet, „sie hätte die Weisung, uns mitzuteilen, dass künftig asphaltiert wird'; erinnert sich Schlösser:

„Das war kein Dialog."

Seine Initiative bemängelt die Transparenz: „Es wird immer damit argumentiert, dass Asphalt billiger ist, aber es gibt den nachvollziehbaren Verdacht, dass das Straßen- und Verkehrsamt noch nie transparent mit den tatsächlichen Kosten umgegangen ist'; sagt er. So habe eine andere Initiative er­ mittelt, dass das Amt doppelt so hohe Kosten veranschlagt habe als nötig. Schlösser fordert für die Ausschreibung in der Hollerstraße, dass beide Varianten geprüft werden.

Doch selbst wenn die Kalkulationen nicht stimmen, bleibt Kopfsteinpflaster - zumindest in puncto Verlegung - teurer als Asphalt. Außerdem gibt es auch Argumente gegen Kopfsteinpflaster: Es ist laut und ungeeignet für Fahrräder, Rollstühle, Rollatoren und Kinder­ wagen. Das bemängelt auch der Landesbehindertenbeauftragte Steinbrück. Er sieht in dem runden den Tisch „eine Chance, zu einer Lösung zu kommen, die alle Ansprüche unter einen Hut bekommt''. Dafür müssten aber alle Teilnehmenden bereit sein,

„andere Perspektiven zu akzeptieren, denn de facto sind Großsteinpflaster und Barrierefreiheit nicht miteinander vereinbar''. Um das Problem plastisch zu machen, will Steinbrück bei einem der kommenden Treffen einen Spaziergang mit Rollstuhl

„Hier ist eine professionelle Betrachtungsweise wichtig" Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter und Rollator durch das Viertel machen. 

Zum nächsten Treffen ist Bremens Chef-Denkmalpfleger Georg Skalecki eingeladen:

„Ich verspreche mir von seiner Anwesenheit viele Anregungen, denn hier ist eine professionelle Betrachtungsweise wichtig'; sagt Steinbrück. Schließlich seien historische Gebäude ja ebenfalls in zeitgemäßem Ge­ brauch, „durch Geländer oder elektrisches Licht - und Barrierefreiheit zählt ebenfalls dazu, das ist ja kein Luxusproblem''.

Ein Luxusproblem sieht Schlösser umgekehrt auch nicht in dem Wunsch, das alte" Viertel zu erhalten: „Höchstens vielleicht ein bisschen Nostalgie - aber es ist doch schön, wenn sich die Menschen mit ihrem Viertel identifizieren'; findet er. „Das ist doch ein Stück lebendige Stadtgeschichte."

Bis Juni wollen sich die Beteiligten noch fünf Mal treffen.

„Bis dahin werden keine Nägel mit Köpfen gemacht'; sagt Jens Tittmann, Sprecher von Bausenator Joachim Lohse (Die Grünen). Der Staatsrat habe ein Moratorium erstellt, Hansewasser sei informiert, erst einmal keine Bauarbeiten zu beginnen,

„und wenn es einen Notfall geben sollte, kommt eine dünne Asphaltdecke drauf, die wieder entfernt werden kann''.

Staatsrat Deutschendorf sei sehr an einer konstruktiven Lösung interessiert, so Tittmann.

„Stadtgestaltung ist ein sehr wichtiger Aspekt, bei dem man nicht nur nach dem Geldbeutel schauen darf." Am 27. Februar wollen sich die Teilnehmerinnen des runde Tisches auf einer gemeinsamen Sitzung der beiden Beiräte öffentlich vor­ stellen.

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