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Interview Bremen Magazin

Das BREMEN Magazin hat unser Thema „Pflaster oder Asphalt im Viertel“ zum Thema gemacht und eine schriftliche Interviewanfrage an stadtbild-bremen.de gestellt. Hier die Fragen des BREMEN Magazin und unsere Antworten:

BREMEN Magazin Bislang möchte der Senat in der Holler- und Ritterstraße das Kopfsteinpflaster gegen Asphalt tauschen. Außerdem erwähnen  Sie auf Ihrer Homepage den Sielwall und Heidelbergerstraße. Wo fürchten Sie ein ähnliches Vorgehen im Viertel außerdem?

Stadtbild-bremen Wir müssen zunächst ein bisschen ausholen. Worum geht es bei unserer Auseinandersetzung zwischen dem Senator für Bau, Umwelt und Verkehr und unserer Initiative? Aktuell entzündet sich die Diskussion am Beispiel der Hollerstraße. Kennen Sie die? Waren sie schon mal da? Ein kleines hufeisenförmiges Sträßchen – 80 Schritte rechts ab von der Schmidtstraße, dann 40 Schritte links, nochmal links, 80 Schritte zurück und Sie landen wieder auf der Schmidtstraße. Also: Alles andere als eine Bremer Hauptverkehrsachse, die endlich für die Ströme von Fahrrad- und Autofahrern optimiert werden müsste. Vielmehr eine Anwohnerstraße. Wer hier hin will, wohnt hier, will gezielt jemand besuchen oder bummelt einfach fröhlich durchs Viertel und freut sich an seinem bunten Treiben und dem besonderen Charakter dieses Quartiers, der auch durch sein historisches Stadtbild einschließlich Kopfsteinpflaster geprägt ist.
Auch hier – wie in vielen Straßen zuvor – haben sich die Anwohner eindeutig – ob Alt oder Jung, Fahrradfahrer, Familien mit Kindern und Kinderwagen – für den Erhalt des Kopfsteinpflasters ausgesprochen. Und sie waren empört, als ihnen durch eine weisungsgebundene Mitarbeiterin des Amts für Straßen und Verkehr auf einer Anwohnerversammlung verkündet wurde: “Interessiert uns nicht – hier wird demnächst asphaltiert! Und nicht nur bei Ihnen. Die neue Leitlinie der Behörde lautet: Wenn im Viertel saniert wird, kommt grundsätzlich nur noch Asphalt zum Einsatz.”

Aber es stimmt – es geht nicht allein um die Hollerstraße. Es geht um die grundsätzliche Frage: Wie soll das Bremer Viertel in Zukunft aussehen? Noch lebt der Charme des Viertels mit seinen vielen kleinen Seitenstraßen von seinem historisch gewachsenen Charakter, den typischen Bremer Bürgerhäusern, dem Natursteinpflaster – und viele, viele wollen, dass das so bleiben darf.
Leute wohnen hier gerne – trotz der vielen ebenfalls typischen Viertelprobleme: Offene Drogenszene. Dealer. Wildes Parken. Öfter als anderswo in der Stadt geht’s hier mal laut und dreckig zu. Trotzdem lieben die Bremer ihr Viertel – Anwohner ebenso wie Besucher. Und Butenbremer und Touristen auch. Weil es Charakter hat, Identität, Unverwechselbarkeit. Es lohnt sich also, diesen Schatz zu pflegen und zu erhalten. Die BTZ bietet z.B. eigene Touristenführungen durchs Viertel an.
In anderen Städten wie z.B. Flensburg dämmert es längst, welche zeitgeistgeschuldete Bausünde es  war, die eigene Innenstadt radikal zu “modernisieren” und das historische Pflaster durch Asphalt zu ersetzen. Heute erkennen die Flensburger Stadtväter und Bürger: Ihre Innenstadt hat ihren Charakter, ihren Charme verloren. Jetzt also alles wieder rückwärts, Asphalt raus, Natursteinpflaster rein. Übrigens sind wir überzeugt, haben Ideen und das Flensburger Beispiel beweist es: Man kann Natursteinpflaster und Fahrradfreundlichkeit und Barrierearmut sehr wohl miteinander  versöhnen – wenn man nur will!
Zu Ihrer Frage konkret: Welche Straßen als nächste dran sein werden? Das wüssten wir auch gerne. Aber das verraten Bausenator, ASV und Hansewasser bislang nicht. Oder sie wissen es selbst noch nicht. Wir sind angewiesen auf die Infos auf dem Online-Portal “Baustellenradar” und dort werden nur die jeweils aktuellen Projekte veröffentlicht. Wir fürchten, das hat auch den Sinn, eine straßenübergreifende Gegenbewegung im gesamten Viertel zu erschweren. Nach dem Motto: “Teile und herrsche. Allein machen wir euch ein – Straße für Straße!” Das böse Erwachen gibt’s dann erst, wenn die Anwohner kurzfristig erfahren, dass ihre Straße als nächste dran ist.  So war es z.B. in der Ritterstraße, wo die Behörde inzwischen mit Asphalt Fakten geschaffen hat – gegen der Widerstand der Anwohner, die relativ allein geblieben sind in ihrem Kampf gegen die Behördenpläne. Klar ist aber die Grundsatzansage, die die Behördenvertreterin uns gegenüber gemacht hat und die das Amt für Straßen und Verkehr auch gegenüber dem Weser Kurier bestätig hat: Während in der Vergangenheit noch Kompromisse mit Anwohnern ausgehandelt wurden, gibt es jetzt eine neue politische Grundsatzposition: Wo immer immer die Stadt saniert,  wird Asphalt aufgebracht. Basta! Ende der Durchsage.

Übergang von der Ritterstraße zur dahinter anschließenden Schweizerstraße. Die Ritterstraße ist ja bekanntlich gegen den Widerstand der Anwohner frisch Asphaltiert worden.
die direkt anschließende Schweizerstraße, wo das alte Kopfsteinpflaster Gott sei dank (noch) liegt

BREMEN Magazin An welchen Stellen könnten Sie sich vorstellen, dass eine Asphaltierung vielleicht doch vertretbar wäre?

Stadtbild-bremen: Unsere Grundsatzposition ist klar: Wir wollen den Gesamtcharakter des Viertels weitestgehend erhalten. Das heißt: 1. Bürgerwünsche berücksichtigen, Anwohner einbeziehen. 2. In den Wohn- und Seitenstraßen deshalb Kopfsteinpflaster erhalten – ggf. ergänzt um sogenannte “Angebotsstreifen” für Radfahrer. 3. Im Dialog mit senatorischer Behörde, Beiräten und Ortsamt ließen sich darüber hinaus ggf. einzelne Hauptverkehrsachsen in Nord-Süd- bzw. Ost-West-Richtung definieren, damit Radfahrer und Autos das Viertel erreichen bzw. durchfahren können – also z.B. Osterdeich, Humboldtstraße, Sielwall, Dobben, Lüneburgerstraße.

BREMEN Magazin Angeblich gibt es denkmalgeschützte Kopfsteinpflaster: Haben Sie beantragt das vorliegende Kopfsteinpflaster als Denkmal auszeichnen zu lassen oder dieses noch vor?

Stadtbild-Bremen: Eine flächendeckende Unterschutzstellung durch die Denkmalpflege übersteigt nach Auskunft des Landesamts für Denkmalpflege die Möglichkeiten und Kompetenzen des Landesamtes. Es geht also um eine politische Abwägung und Entscheidung. Ich bin aber überzeugt: Der Denkmalpfleger drückt uns Bürgerinitiativen die Daumen.  Zur Asphaltierung der Ritterstraße hat sich der Bremer Landesdenkmalpfleger  Dr. Georg Skalecki folgendermaßen geäußert: “Das Landesamt für Denkmalpflege würde eine Pflasterung der Ritterstraße begrüßen.”

BREMEN MagazinVon Ihrer Seite heißt es, dass mit dem Kopfsteinpflaster auch ein Stück Lebensqualität einherginge: Würde durch eine leisere Fahrbahndecke und bessere Befahrbarkeit für Radfahrer nicht noch weiter erhöht werden?

Stadtbild-Bremen Unterm Strich eindeutig nein. Wenn die Viertelstraßen Rennstrecken wären, in denen man Gas geben kann und in wenigen Sekunden von 0 auf 80 km/h beschleunigt, wäre das Argument stichhaltig. Das kann aber ohnehin niemand wollen. Bei angemessenem Tempo 30 oder 40/h ist der Unterschied der Lärmemissionen zu vernachlässigen. Für Fahrradfahrer gibt es, wie gesagt, Lösungen auch mit Kopfsteinpflaster.  Und: Lebensqualität einer Stadt oder eines Quartiers erlebt und erfährt man nicht allein mit dem Hintern auf dem Fahrradsattel, sondern vor allem mit Herz, Verstand, allen Sinnen, Empfänglichkeit für Architektur, Kultur, Geschichte, Nachbarschaft und Menschen. So stellen sich Atmosphäre und Aufenthaltsqualität ein und nicht allein durch den gepolsterten Hintern auf seelenlosem Asphalt.

BREMEN MagazinAuch wird immer wieder die mangelnde Barrierefreiheit des Pflasters in Feld geführt: Wie wollen Sie mit Kopfsteinpflaster für ebendiese sorgen?

Zustand einer Bremer Asphaltstraße im Viertel nach 25 Jahren

Stadtbild-Bremen: Offen gestanden ist dieses Argument aus meiner Sicht geradewegs absurd. Barrierefreiheit für Fußgänger, für Eltern mit Kinderwagen, Menschen die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, erreicht man durch angemessene Bürgersteige. So sieht das übrigens auch die Straßenverkehrsordnung in Deutschland vor. Breit genug müssen die Fußwege  halt sein und nicht durch wild abgestellte Autos zugeparkt.  Straßenübergänge kann und sollte man durch Hochpflasterungen oder funktionale Absenkungen barrierearm gestalten. Das Argument, das auch der Bausenator ins Feld führt “Weil die Fußwege ja eh zugeparkt sind, asphaltiere ich eben die Fahrbahn, damit die Rollis dorthin ausweichen“, bedeutet die endgültige Kapitulation vor den Parkplatzproblemen des Viertels und die achselzuckende Duldung rücksichtsloser Autofahrer, die im Ernstfall überdies auch noch Rettungswagen und Feuerwehr blockieren.

Bremen Magazin Des Öfteren fällt das Argument, dass es das Kopfsteinpflaster seit 150 Jahren gebe und zum Viertel gehöre. Damals dürfte es in Bremen auch noch keine Straßenbeleuchtung gegeben haben. Verweigern Sie sich hier nicht einem ähnlichen Fortschritt?

Stadtbild-Bremen Ok – ein bisschen Polemik darf sein. Und in der Tat wird uns von erklärten Asphaltfreunden gern entgegengehalten: Pflaster ist im 21. Jahrhundert nur noch was für Ewiggestrige, Nostalgiker und Fortschrittsverweigerer.

Wir antworten Die Freie und Hansestadt Bremen ist eine Stadt mit langer und stolzer Tradition. Bis heute sieht und erlebt man das – Gott sei Dank – noch an vielen Ecken und Enden.  Rathaus und Roland Marktplatz sind Weltkulturerbe. Schnoor, Böttcherstraße, Marktplatz gehören bis heute zu den architektonischen Highlights. Auf Bremens Tourismus-Werbeprospekten sieht man interessanterweise bis heute Marktplatz, Stadtmusikanten und Dom oder auch Impressionen aus dem Viertel und nicht Tenever oder  Grohn. Es kann also nicht alles aus der Zeit gefallener Mist sein, den unsere Vor- und Vorvorfahren  in Bremen aufgebaut haben. Damit respekt- und verantwortungsvoll umzugehen, ist für uns Aufgabe jeder neuen Generation. Oder sollen wir demnächst auch die Weserrenaissance-Fassade des Rathauses abreißen, damit wir endlich mal die Wände ordentlich mit Styroporplatten dämmen können? Sollen wir die Hutzelhäuser des Schnoors abreißen und Platz schaffen für was neues Modernes– vielleicht für ein Parkhaus, um die Erreichbarkeit der Innenstadtkaufhäuser zu verbessern? Oder der unnütze Stuck an den Bremer Bürgerhäusern – macht viel zu viel Arbeit beim Streichen der Fassade. Runter damit,  Riemchenpflaster drauf? Diese Zeitgeistmode gab’s übrigens schon mal in Bremen. Heute schlagen wir die Hände über dem Kopf zusammen über die Bausünden dieser “Modernisierer” und Speerspitzen des Fortschritts der 60er und 70er Jahre. Wir sind uns sicher: In 20, 30 Jahren würden die nächste und übernächste Generation von Bremern genauso reagieren, wenn sie im Viertel über Schlaglöcher, Frostaufbrüche und Flickschustereien im Asphalt fahren. Und sie würden sich wehmütig alte Fotos ansehen, in den die Straßen noch Kopfsteinpflaster und Charme hatten. Also, machen Sie sich keine Sorge. Auch wenn wir uns für den Erhalt des historischen Stadtbildes und für Kopfsteinpflaster im Viertel einsetzen – wir nutzen auch schon das Internet, haben Handys und fahren Fahrräder mit LED-Lampen. Und wir wissen: Das geht auch auf Kopfsteinpflaster ganz gut – wenn man nur will, es gelegentlich pflegt  und ein bisschen Hirnschmalz investiert, wie man es mit heutigen Anforderungen an eine Straße  verbinden kann.

 

Berlinerstraße mit 100 Jahre altem Pflaster mit einem ebenfalls 100 Jahre alten Fahrradstreifen, wie man ihn vor 100 Jahren angelegt hat. Er funktioniert bis heute ziemlich gut und gilt als einer der ersten Fahrradwege in Deutschland überhaupt

 

Sachsenstraße – mit ihrer seelenlosen Asphaltdecke noch eine der Ausnahmen in den Seitenstraßen des Viertels

3 Comments

  1. Doppeldotter Doppeldotter

    Die Wählbarkeit einer Partei von ihrer Zustimmung oder Ablehnung von Kopfsteinplaster abhängig zu machen, ist unterirdisch und kleinkariert!!!!

    • Klaus Klaus

      Wir erleben gerade ein kleines Lehrstück über Demokratie. Genauer: Wie Demokratie NICHT geht, wie man das Vertrauen in Demokratie erschüttert und verspielt: Wenn Argumente, Einwände und Vorschläge von Bürgern systematisch NICHT beachtet werden, wenn Dialog VERWEIGERT und stattdessen einsame BASTA-Entscheidungen durchgeboxt werden, beschädigt man Vertrauen in Politik und Parteien im Kleinen mit nachhaltigen Folgen auch fürs große Ganze. Wer engagierte Bürger nur als lästige Querulanten behandelt, sollte sich nicht wundern, wenn er ihre Stimmen nicht (mehr) bekommt.

  2. Fritz the Cat Fritz the Cat

    Asphalt war schon den alten Römern bekannt. Und warum haben die ihre Straßen trotzdem gepflastert? Weil die Sache länger halten sollte als 25 Jahre! Diese Straßen wurden in 2000 Jahren genau ein einziges Mal gebaut, mehr war nicht nötig. Was schon in der Antike von gestern war, kann heute kein Fortschritt sein.

    Fortschrittlich ist, was hält!

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