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„Das ist kein Kampf Gut gegen Böse!“ Weser Kurier 15.12.2018

„Pflaster oder Asphalt“-Problematik in Bremen

Sigrid Schuer 14.02.2018 0 Kommentare
MIT Steintor Kopfsteinpflaster Lessingstraße / Stedinger Stra0e

Pflaster in der Lessingstraße. Über Straßenbelag wird im Viertel seit Jahren gestritten. (Roland Scheitz)

Es ist eine Art Glaubenskrieg, der seit einigen Jahren im Viertel tobt. Ein Glaubenskrieg, der sich schon bald auf viele andere Stadtteile Bremens ausweiten könnte. Denn in vielen Quartieren, wie in der Neustadt oder in Walle, aber auch in Schwachhausen und rund um den Domshof ist das Stadtbild, historisch bedingt, noch von Pflasterstraßen geprägt.

Steffen Eilers (Grüne), der Sprecher des Beirates Östliche Vorstadt, zog dann auch eine Parallele zwischen der „Star Wars“-Saga und der „Pflaster oder Asphalt“-Problematik, die besonders im Viertel die Gemüter erhitzt: „Es geht hier nicht um den Kampf Gut gegen Böse oder darum, dass das Imperium zurückschlägt.“ Launiger Kommentar aus dem Publikum, das sich am Dienstagabend bei der gemeinsamen Sitzung der Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt zahlreich im Bürgerhaus Weserterrassen versammelt hatte: „Möge die Macht mit euch sein!“

Tragfähige, bezahlbare Kompromisslösung soll gefunden werden

Gemünzt ist er auf den Runden Tisch „Straßenbelag“, der am 30. Januar seine konstituierende Sitzung hatte und sich nun auf der Beiratssitzung vorstellte. An ihm versammeln sich Mitglieder der Bürgerinitiative und der Beiräte, aber auch ein Repräsentant des Allgemeinen Fahrradclubs (ADFC), der Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück und Oliver Platz als Präsident der Architektenkammer. Zu den Mitgliedern der Arbeitsgruppe zählen ferner unter anderem Ortsamtsleiterin Hellena Harttung, Beiratssprecher Steffen Eilers und sein Stellvertreter Daniel de Olano (SPD), Jens Tittmann als Sprecher des Bau- und Verkehrssenators Joachim Lohse und Klaus Schlösser aus der Hollerstraße. Ziel des Runden Tisches ist es, eine tragfähige, bezahlbare Kompromisslösung zu finden, wie beispielsweise in Flensburg oder Freiburg, deren Stadtbild lange Zeit von historischem Kopfsteinpflaster geprägt war.

Pro Monat soll ein Aspekt der „Pflaster oder Asphalt“-Problematik mit Hilfe von Fachleuten beleuchtet werden. Am Dienstag, 27. Februar, erläutert Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki das historische Bild, aus der sich die Stadt heraus entwickelt hat und mit dem sich die Bürger identifizieren. Am Dienstag, 13. März, beschäftigt sich das Gremium mit dem Verkehrsentwicklungsplan und den Fahrradstraßen. Die Fahrradfahrer unter den Pflastergegnern bevorzugen glatte Asphaltstraßen. Mit unebenem Kopfsteinpflaster haben nicht nur Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte, die auf einen Rollator angewiesen sind, ihre Probleme, deshalb wird sich der Runde Tisch am Dienstag, 24. April, mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigen.

Fotostrecke: An diesen Stellen hapert es in Bremen mit der Barrierefreiheit

Ein Zuhörer merkte an, dass es durchaus möglich sei, Pflaster landschaftsarchitektonisch kreativ und barrierearm zu verlegen, so wie das rund um das Weserstadion geschehen sei. Von den monatlichen Sitzungen wird es Arbeitsprotokolle geben, und es soll ein Gestaltungskatalog erstellt werden, der auch auf andere Stadtteile übertragen werden könnte. Auf Nachfrage bestätigten Mitglieder des Runden Tisches, dass sich Bürgerinnen und Bürger zwar nicht mehr beim Runden Tisch, aber durchaus weiterhin in der Bürgerinitiative „Pflaster oder Asphalt“ engagieren könnten.

Einst vor vollendete Tatsachen gestellt

Klaus Schlösser ist als einer der Köpfe der Bürgerinitiative „Pflaster oder Asphalt“ jedenfalls guten Mutes, dass mit der Etablierung eines Runden Tisches Befürworter und Kontrahenten nun damit begonnen haben, konstruktive Gespräche zu führen: „Das ist ein wunderbarer erster Schritt, weg von den verhärteten Fronten.“

Das sei beileibe nicht immer so gewesen, erinnert sich der Anwohner der Hollerstraße im Steintor: „Wir wurden als 30, 40 Anwohner vom Amt für Straßen und Verkehr zu einer Versammlung eingeladen, bei der ein Dialog gepflegt werden sollte. Wir waren dann doch sehr erstaunt über den Charakter dieses Dialoges. Die Vertreterin des Amtes für Straßen und Verkehr sagte uns, dass es nichts mehr zu diskutieren gebe. Ende der Durchsage. Nach der Kanalsanierung werde Asphalt in unserer Straße verlegt.“

Es sei schon verwunderlich, dass Anwohner unter dem grünen Bausenator Lohse einfach vor vollendete Tatsachen gestellt worden seien und die Bürgerbeteiligung dabei auf der Strecke geblieben sei: „Das ist weder besonders schön noch klug.“ Schlösser sprach vom „schönen, lebendigen, problembehafteten Viertel mit seinen zugeparkten Straßen, das unser Zuhause ist“, und betonte: „Wir möchten nicht, dass die architektonische Geschichte des Stadtteils einfach beendet wird.“ Pointiert spitzte er weiter zu: „Kluge, studierte Fachpolitiker finden dilettantische Laien mitunter anstrengend. Aber die Bürger sind oft viel schlauer als die Stadtplaner.“ Wie wichtig diese Bürgerbeteiligung ist und wie ernst sie genommen wird, machten die zahlreichen Redebeiträge in der Beiratssitzung deutlich. So sagte Steffen Eilers, dass ihn die Pflaster- oder Asphalt-Problematik im Beirat schon seit zehn Jahren beschäftige und die Beteiligung der betroffenen Anwohner für den Beirat wichtig sei. „Die Thematik hat auf allen Seiten für viel Frustration gesorgt. Dass das Bauressort für das Viertel das Pflasterkataster aufgekündigt hat, sieht der Beirat als Affront. Nachdem die Bürger viel Engagement und die Verwaltung viel Arbeit investiert haben, hat sich zuletzt ein Gefühl der Erschöpfung breit gemacht“, schilderte Eilers die Lage. Dem gelte es entgegenzuwirken.

Und der Stadt- und Regionalplaner Kai Ole Hansen, der die Ergebnisse moderiert, die der Runde Tisch erzielt,  mahnte bei allen Beteiligten Offenheit an – und die Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen an. Das sei die Voraussetzung für das Gelingen eines strategischen Gesamtplanes.

Bau- und Verkehrssenator Joachim Lohse hatte indes seinen Staatsrat Jens Deutschendorf  geschickt, um die Wogen zu glätten. Nachdem Deutschendorf zunächst die Grüße des Senators ausgerichtet hatte, betonte er, wie sehr Lohse das Bürgerengagement und die Versachlichung der bisher geführten, hitzigen Diskussion zu schätzen wisse.

„In kleineren Anwohnerstraßen mit guter historischer Bausubstanz sind wir durchaus diskussionsbereit. In einem angenehmen Diskussionsklima lassen sich Knackpunkte wie Verkehrssicherheit, Radverkehr und Lärm viel eher ausräumen“, sagte er.

Kosten von Kopfsteinpflastern und Verlegung von Asphalt

Unter den Zuhörern befand sich auch Stefan Schafheitlin aus der inzwischen asphaltierten Schweizer Straße im Steintor. Er warf die Frage auf, ob die Verlegung von Kopfsteinpflaster tatsächlich so viel teurer wäre als die Verlegung von Asphalt, wie seitens des Bauressorts immer behauptet werde.

Und schon kam ein weitere Einwurf aus dem Publikum: „Ein geflügeltes Wort besagt ja: ‚Wir sind arm, also kaufen wir nicht billig‘.“ Stefan Schafheitlin verwies darauf, dass Kopfsteinpflaster bis zu 150 Jahre halten könnte. Es sei nachhaltiger und damit preiswerter. Außerdem griff er ein weiteres, interessantes Thema auf: „Ist es nicht so, wenn Kanalsanierungsarbeiten von Hansewasser durchgeführt werden, dass das Unternehmen dann auch dazu verpflichtet ist, die Straße in ihrem ursprünglichen Zustand mit dem Originalpflaster wiederherzustellen? Immerhin ist Hansewasser ja finanziell gut gepolstert.“

Baustaatsrat Jens Deutschendorf entgegnete, dass beim Straßenbelag oftmals Kompromisse gefordert seien. Sobald das Bauressort nach einer Kanalsanierung Veränderungen am Straßenbild vornehmen wollte, müsste der Senat auch einen Teil der Kosten für die Pflasterung tragen. Ein weiterer Zuhörer klärte in puncto Kostenfrage auf: Asphalt koste 90 bis 100 Euro pro Quadratmeter. Die Kosten für die Verlegung von Kopfsteinpflaster betrügen dagegen 100 bis 120 Euro pro Quadratmeter.

Eine frohe Kunde kam gegen Ende der munteren Diskussion von Klaus Schlösser: „Das Bauressort hat dem Runden Tisch zugesichert, dass eine gute, einvernehmliche Lösung in der Sache nicht mehr an der Finanzierungsfrage scheitern soll. Das ist ein erster Erfolg.“

Der Originalartikel ist hier zu lesen.

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